Stan van Gundy ist faul und einfallslos. Oder einfach nur ein guter Coach.

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Altbewährtes ist deswegen altbewährt, weil es bei Bedarf einen Fixpunkt bietet, eine Maßnahme, die ein erwartetes Resultat liefert. Altbewährt ist das Argument, warum Leute zeitlebens auf eine Automarke schwören, warum man einen Bäcker des Vertrauens hat und warum mein Opa seit 75 Jahren bei jedem Anzeichen von physischer Schwäche (und damit ist von einem durch selbstgebrannten Schnaps bedingter Kater bis hin zu einer Lungenentzündung gemeint) fermentierten Schwarzrübensaft trinkt, der schon beim Öffnen der Flasche zu Würgereflexen im Umkreis von 5 Metern führt. Man tut irgendwann irgendetwas, es lindert/schmeckt/ergötzt –funktioniert schlicht – und man tut es ab diesem Zeitpunkt wieder und wieder. Aber was haben Stan van Gundy, die Orlando Magic und Detroit Pistons damit zu tun?

 

Orlando, Frühjahr 2009. Die Magic haben die NBA Finals erreicht. Um Superstar Dwight Howard herum hat Stan van Gundy eine wurffreudige, freiwurfkreierende Maschine entwickelt, die rückblickend vieles von dem hatte, was die NBA heute ausmacht. Van Gundy formt aus individuell durchschnittlichen Verteidigern eine titelreife Defense – die Magic lassen nur 94,4 gegnerische Punkte zu bei exzellenten 43,3% aus dem Feld -, gegnerische Angriffe werden durch clevere Deckung Richtung Howard gelenkt, welcher kraft seiner Physis und geschicktem Timings den Korb zum Sperrgebiet erklärt. D12, damals noch einer der beliebtesten und sympathischsten Charaktere der Liga (die Älteren unter Euch erinnern sich), greift im Schnitt 12,9 Rebounds ab, räumt 2,9 Würfe pro Spiel ab und wird eindeutig zum DPOY gewählt.

 

Am anderen Ende des Feldes hat das Team aus Florida ein Alleinstellungsmerkmal: Es wird gelötet, bis die Hand glüht. Die Liga nimmt im Schnitt 1486 Dreier, die Magic bomben in der Saison ganze 2147 Mal für Drei. Meist wird Howard von vier Leuten an der Dreierlinie begleitet, das System wirft früh in der Saison erste melonengroße Früchte ab: das Team stellt mit 23 getroffenen Würfen von Downtown im Spiel gegen die Kings einen neuen NBA Rekord auf. Dazu kommt, dass Orlando im Schnitt 27,5 Mal an die Freiwurflinie darf, Platz 4 im Ligavergleich. Aus der damals noch vielgeliebten Mitteldistanz herrscht hingegen Dürre. Der Finalgegner aus Los Angeles zum Beispiel nimmt über die Saison über 1200 Würfe mehr für zwei Punkte, was allerdings bei einem von Kobe Bryant angeführten Team irgendwo implizit ist. Der Punkt ist: Die Nullneuner Magic sind eine Art Blaupause für die Art Teams, die wenige Zeit später beim Basketball Analytics Summit als stilbildend gelten und Advanced Stat Fetischisten wie Daryl Morey warme Schauder bescheren.

 

Viel basiert auf simplen Pick-and-Rolls mit Dwight Howard oder Rashard Lewis, traditionell mit einem wurfstarken Guard oder Hedo Türkoglu am Ball. Wem auch sonst, wenig später sollte sich herausstellen, dass „Ball“ sein Lieblingswort ist:

 

So konnte Howard mit Anlauf auf bemitleidenswerte Verteidiger zustürmen oder den Pass nach Außen suchen, wo ein Haufen potenter Werfer nur drauf wartete den Spalding Richtung Ring zu schleudern. Unterm Strich mündete das in einer teilweise sehr effektiven Spielweise (siehe 139 Punkte gegen Sacramento), konnte bisweilen an Tagen wo die Handgelenke kollektiv etwas fehljustiert waren auch zu hässlichen Rohrkrepierern voller ungelenker Postups und Backsteinen führen. So waren die Magic nur durchschnittlich schnell in ihrem Tun (Platz 12), nur durchschnittlich effizient (Platz 11) und lediglich zehntbeste Mannschaft, was Punktausbeute angeht.

 

Nachdem man in den Playoffs dann die Sixers ausschaltete, nach einer langen Serie die titelverteidigenden Celtics besiegte und noch die Cavaliers mit dem frischgekürten MVP LeBron James aus dem Weg räumte, standen nur noch die Los Angeles Lakers als Hürde auf dem Weg zum ersten Franchise-Titel. Allerdings hatten die einen besessenen Kobe Bryant in ihren Reihen, den die Niederlage aus dem Vorjahr gegen den Erzrivalen aus Boston zu einer wutschnaubenden, alles aus dem Weg räumenden Lawine an Basketballtalent machte. Die Lakers holten die Serie in einem in den Spielen knappen (zwei Spiele wurden erst in der OT entschieden), am Ende aber klaren 4-1 und so stand als Fazit nach der Saison lediglich: Knapp vorbei.

 

Jetzt fragt man sich natürlich, wann und wo der Schwarzwurzelsaft ins Spiel kommt? Hat Kobe davon genascht vor den Finals? Ist Stan van Gundy vielleicht sogar mein Opa?

 

Detroit, Sommer 2016. Stan van Gundy ist im dritten Jahr Trainer der Deroit Pistons, einer Franchise die seit den Wallace-Hamilton-Prince-Billups-Jahren für wenig positive Schlagzeilen sorgt und im Gegensatz zur Vergangenheit sportlich endgültig im Gleichschritt mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Motor City schreitet. Stan van Gundy ist Coach und General Manager in Personalunion und hat im Zuge dessen den Kader in seinen drei Sommern in der Franchise grundlegend verändert. Und genau hier kommt der Saft ins Spiel! Zugegeben, das Bild hinkt. Ich vermag nicht zu beurteilen, wer mehr Plan, Kontext, Flexibilität und Verständnis in seine Arbeit steckt – der Super Mario ähnelnde Hutliebhaber oder doch mein Großvater in Antizipation eines Höllenhustens. Eines ist jedoch offensichtlich: Beide scheinen auf ein bereits bewährtes Konzept zurückzugreifen.
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Andre Drummond ist nicht Dwight Howard. Und das ist irgendwo auch gut so. Wo Dwight Howard durch fremdschamauslösende Videos beim freihändigen Keksessen glänzte , scheint Andre Drummond als ähnlich athletischer, aber spielerisch unreifer Center seine Zeit bevorzugt beim Training und Videostudium zu verbringen (Affären mit Pornodarstellerinnen zu Beginn der Karriere hefte ich unter „Nachvollziehbar“ ab). Dabei sind die beiden Bigmen vom Basketballstandpunkt nicht so unähnlich: Beide sind offensiv am Korb kaum zu stoppen, verlassen bzw. verließen sich stets auf überragende Athletik denn auf basketballerischen Feinschliff und verlieren jegliche Effektivität, sobald sie auch nur zwei Schritte vom Korb entfernt sind. Howard war zu Hochzeiten ein laufendes Doubleteam und schuf so Raum für die schussfreudigen Mannschaftskameraden, konnte dank seiner Spielintelligenz die zusammensackende Defense mit Pässen nach Außen bestrafen. Dieses Gefühl für die Offense fehlt Drummond bislang, worauf neben einer Art Tunnelblick in der Zone (jämmerliche 0,6 Assists als Karriereschnitt) auch die Tatsache fußt, dass van Gundy wesentlich weniger Angriffe durch Drummond als D12 seinerzeit laufen lässt. Ebenso relevantes Argument dafür: Bei den Magic war Howard ein schlechter Freiwerfer mit 59,2% und sorgte hier und da für ungeduldiges Murmeln. Dieses Murmeln ist in Drummonds Fall eine greifbare Angst beim Spieler und den Fans, der Center ist an der Linie so wackelig mit 38% für die Karriere, dass er gerüchteweise am Underhand-Wurf arbeitet, den Rick Barry einst zwar effizient nutzte, hierzulande aber eher von untalentierten Sportgrundkursteilnehmern in der Mittelstufe bekannt ist. Defensiv kam Howard schon mit einem ausgeprägten Sinn für Rotationen und Timing beim Blocken in die Liga, der Pistons Center hingegen hat nach anfänglichen Foulorgien und desorientierten Blicken zur Bank mittlerweile den überbordenden Willen zum Shotblocking durch cleveres Positionieren ersetzt, was sich positiv in seiner Spielzeit, Usage und den defensiven Win Shares niederschlägt. Dieses Dazulernen gepaart mit dem von vornherein über alle Zweifel erhabenen Arbeitsethos und Willen führt dazu, dass Drummond der beste Rebounder der Liga ist und ein Viertel der Fehlwürfe aus der Luft aberntet, wenn er auf dem Platz steht.

 

Der grundlegende „Building Block“ scheint van Gundy also von vornherein in die Hände gefallen zu sein. Doch was ist mit dem Rest des Kaders? Es fallen überraschende Parallelen auf.

 

Rashard Lewis war zu Bestzeiten ein aufsehenerregender Forward und eine kaum zu stoppende Scoringmaschine. Eine geschmeidige Hand aus der Distanz, weit überdurchschnittliche Athletik und das Auge für den Nebenmann machten ihn zum idealen Spieler für Stan van Gundys System und eine passende Ergänzung zu Howards auf Ringnähe fokussiertem Spiel. Auf der Suche nach einer ähnlichen Symbiose erwarb GM van Gundy Februar diesen Jahres Tobias Harris von seinem Ex-Verein. Die Karrierestatistiken von Harris lesen sich fast, als wäre es sein Ziel gewesen Rashard Lewis nachzuahmen, auf 36 Minuten gerechnet fällt die lediglich schlechtere Quote hinter der Dreierlinie auf. Derer Ursprung liegt zum Teil auch in den von miserabler Raumaufteilung geprägten Magic-Jahren und könnte bei einem gut geölten Detroit-Motor einen Sprung nach oben machen. Harris hat die Athletik und Spielintelligenz, um von der Dreierlinie zum Ring zu ziehen und von dort weitere Optionen zu schaffen. Defensiv ist der Forward mit dem Rüstzeug ausgestattet problemlos zwischen Positionen zu wechseln und kann dank seiner Schnelligkeit und Stärke grundsätzlich von Guards bis zu langen Forwards solide verteidigen.

 

Absolut zu verteidigen war dafür auch der Trade, mit dem die Pistons Reggie Jackson von den Oklahoma City Thunder in den Kader holten und lediglich Wechselgeld abgeben mussten. Obwohl der Guard nach furiosem Start in Motor City merklich abkühlte, ist er mit 18,8 Punkten und 6,2 Vorlagen im Schnitt wichtiger Baustein in Detroits Offense. Wo Jameer Nelson sich 2009 auf seinen überragenden Dreier verließ und Dwight Howard den Raum zum Wüten unterm Korb gab, ist Reggie Jackson ein mit durchschnittlichem Distanzwurf ausgestatteter (was ihm keineswegs ein Hindernis ist wie 4,2 Dreierversuche pro Spiel zeigen) Pfeil, der sich am Korb und der Freiwurflinie seine Punkte erarbeitet.

 

Optionen, die van Gundy 2009 hatte, wenn einer seiner Schützen einen gebrauchten Tag erwischte oder Foulprobleme grassierten, fehlten den Pistons in der letzten Saison. In knappen Spielen übernahm 2009 Hidayet Türkoglu das Ruder, Howard hatte mit Marcin Gortat ein junges und talentiertes Backup welches mittlerweile anerkannter Starting Center in Washington ist, der Kader wurde durch gute bis sehr gute Shooter wie JJ Redick, Mickael Pietrus oder Courtney Lee ergänzt. Diese Shooting Power geht Detroit etwas ab, teamübergreifend wurden nur 34,5% getroffen und das führte die Mannschaft häufig in eindimensionale, gestauchte und niedrigprozentige Gerangel in Korbnähe und der Mitteldistanz. Kentavious Caldwell-Pope und Stanley Johnson haben in der Hinsicht alle Anlagen, konstant brandgefährlich zu sein, würden aber auch von einem insgesamt ausgewogenen Kader profitieren. Von der Bank kam zu wenig Qualität und so konnten Gegner dankbar die absehbaren Mittel antizipieren, die van Gundy aufs Feld schickte.

 

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Mit Ish Smith, Jon Leuer und Boban(!) Marjanovic (Hier sehr glücklich in einem viel zu kleinen Auto abgebildet) ist van Gundy die Baustellen „Backup Point Guard“ und „Ersatz-Center“ angegangen und kann so im kommenden Jahr auf mehr Tiefe zurückgreifen. Ish Smith war einer der wenigen tatsächlichen NBA Akteure in Philadelphia letztes Jahr, gilt als wohl NBA-weit schnellster Spieler und dürfte in einer echten Franchise mit echten Mitspielern auch prozentual in allen Statistikbereichen zulegen. Boban hat in seinen wenigen Minuten unter Popovich in Texas angedeutet, wozu er in der Lage sein könnte und auf 36 Minuten hochgerechnet absurd gute Statistiken aufgelegt. Jetzt gilt es zu beweisen, dass er über längere Zeitspannen produktiv sein kann und nicht nur schon geschlagene Benchunits mit Größe und weichem Handgelenk bestraft. Inwieweit Jon Leuer eine Rolle spielen wird, ist noch nicht ganz absehbar, da er um Spielzeit mit Harris, Johnson und Marcus Morris kämpft.

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